Wie Lebensmittelkonzerne in Österreich politische Entscheidungsprozesse beeinflussen: Das Beispiel forum. ernährung heute

Autorin: Nadine Doll

03.11.2022

Die Nahrungsmittelindustrie investiert große Summen für PR- und Lobbyarbeit, um Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse zu nehmen (Food Research Collaboration, 2021). In den Vereinigten Staaten geben Unternehmen wie Coca-Cola, Pepsi und Co bis zu 40 Millionen Dollar pro Jahr aus, um sich bei Gesetzgebern und Regulierungsbehörden Gehör zu verschaffen (fooddive.com, 2021). Die meisten Gelder fließen bei Coca-Cola. Der Marktriese hat allein im Jahr 2020 5,83 Millionen Dollar an 24 Lobbyisten verteilt (fooddive.com, 2021). In Österreich steht immer wieder das „forum. ernährung heute“ als Lobbying-Plattform der Nahrungsmittelindustrie in der Kritik. Doch wer steht eigentlich hinter dem FEH? Welche Agenda verfolgt das Forum? Und welche wie nimmt es Einfluss auf die Politik?

Lobbying ist natürlich nicht verboten. Die NGO "Transparency International" erklärt etwa, dass "Lobbying ein integraler Bestandteil einer gesunden Demokratie ist. Sie ermöglicht es verschiedenen Interessengruppen, ihre Ansichten zu öffentlichen Entscheidungen, die sie betreffen könnten, zum Ausdruck zu bringen." (Food Research Collaboration, 2021) Dennoch verfolgen die Lobbyisten der Lebensmittelunternehmen privatwirtschaftliche for-profit Unternehmen, die nicht unbedingt mit öffentlichen Interessen im Einklang stehen. So haben kumulierte Expertenmeinungen und wissenschaftliche Erkenntnisse selten Priorität, wenn es darum geht, Gesetze und Vorschriften zu ihren Gunsten durchzusetzen (Food Research Collaboration, 2021).

 

Das "forum. ernährung heute" wurde laut eigenen Angaben 1991 „als wissenschaftlich fundierte Kommunikationsplattform gegründet und soll zu einer besseren Information in der Ernährungsdiskussion beitragen und allgemeinverständlich aufklären“. (forum. ernährung heute, 2022).

Wirft man jedoch einen Blick auf die Mitgliederliste des Forums, so fällt bald auf, dass hier unabhängige wissenschaftliche Forschung keinen Platz finden kann. Zu den Mitgliedern des Forums zählen nämlich Unternehmen wie Coca-Cola, McDonalds, RedBull oder Manner (forum. ernährung heute, 2022).

 

 

2022 10 12 Mitgliederliste des dorum. ernährung heute Blogbeitrag

Abbildung 1: Mitgliederliste des forum. ernährung heute

 

Auf eine Presseanfrage im Jahr 2017, wie viel Geld das Forum von seinen Mitgliedern bekommt, hieß es, dass sie „durchschnittlich ungefähr 10.000 Euro jährlich“ von jedem Unternehmen bekommen. Sollten diese Angaben der Wahrheit entsprechen, wären das bei 22 gelisteten Mitgliedern, circa 220.000 Euro jährlich. Nach eigenen Angaben des Forums lag das Jahresbudget in den letzten Jahren im Durchschnitt zwischen 250.000 und 300.000 Euro (ORF, 2017). Der Verband erhält also den Großteil seines Geldes von der Industrie. Im Jahresbericht des Forums ist es zudem nicht möglich, genaue Zahlen darüber zu finden, wie viel, von wem bezahlt wird. Es ist nur ersichtlich, wer ihre Geldgeber sind, nicht aber, wie viel sie von diesen genau beziehen. Um aber als seriöse und vertrauenswürdige Institution zu gelten, ist es absolut notwendig, Finanzen verständlich und transparent darlegen zu können. (Laurie, 2021).

Da keines der Partnerunternehmen des Forum (siehe Abbildung 1) für seine gesunden Produkte bekannt ist, ist es nicht verwunderlich, dass das "forum. ernährung heute" über die WHO-Empfehlung eines Konsums von maximal 5-10 Teelöffeln Zucker pro Tag (Weltgesundheitsorganisation, 2015) nur wenig erfreut ist. Im Gegenteil, das Forum veröffentlichte als Reaktion auf diese Empfehlung folgendes fragwürdige Statements auf ihrer Webseite:

"Zucker steht häufig im Kreuzfeuer der Kritik. Von „Volksdroge“ ist die Rede, Folgen wie Adipositas und Diabetes werden genannt. Dabei zeigt die Wissenschaft: Zucker macht weder süchtig noch zuckerkrank. Übergewicht entsteht aufgrund einer Reihe von Einflüssen und resultiert aus dem generellen Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und –verbrauch. Natürlich ist es leicht, einen Schwarzen Peter zu definieren. Doch es gibt weder "gute" noch "böse" Lebensmittel, diese Einteilung lässt sich seriös nicht treffen. Wesentlich sind die langfristigen Essgewohnheiten und ein aktiver Lebensstil. Die Dämonisierung von einzelnen Produkten ist daher auch nicht zielführend. Sie geht am Problem - nämlich an den Ursachen - vorbei. Lösungen für die Praxis liegen in einer gesteigerten kulinarischen Bildung und in einer eigenverantwortlichen Lebensführung" (forum. ernährung heute, 2022).

Darüber hinaus finden sich auf ihrer Website Aussagen wie die folgende:

„Breite Hüften und ein runder Bauch haben wenig mit zu viel Zucker oder Fett im Essen zu tun - im Gegenteil, nur bei Erwachsenen wurde ein wahrscheinlicher - und kein überzeugender - Zusammenhang zwischen dem erhöhten Konsum zuckergesüßter Getränke und Adipositas festgestellt“. (forum. ernährung heute, 2020)

Laut WHO fördert erhöhter Zuckerkonsum eine überschüssige Kalorienzufuhr. Zudem gäbe es einen klaren Zusammenhang zwischen erhöhtem Zuckerkonsum (insbesondere aus zuckerhaltigen Getränken) und Fettleibigkeit, Diabetes Typ 2 und vielen anderen nicht-übertragbaren Zivilisationskrankheiten (Weltgesundheitsorganisation, 2015). In den veröffentlichten Statements des Forums wird jedoch die mangelnde Bewegung für diese Krankheiten verantwortlich gemacht und die Verantwortung an die Konsument/innen abgeschoben.

Doch warum macht das Forum das? Im Interesse ihrer Fördergeber will das Forum wohl möglichen Regulierungen seitens der Regierung, wie einer Erhöhung der Zuckersteuer oder eine Regulierung der Vermarktung zuckerhaltiger Produkte, entgegenwirken.

 

Einfluss auf die Nationale Ernährungskommission

Neben dem Bundesministerium für Gesundheit, Soziales und Konsumentenschutz ist die Nationale Ernährungskommission (NEK) ein entscheidendes Gremium der nationalen Ernährungspolitik. Die NEK berät den Bundesminister für Gesundheit in allen Fragen der gesundheitsbezogenen Ernährungspolitik (NEK, 2022a). Auf der Webseite des Ministeriums für Gesundheit, Soziales und Konsumentenschutz werden der NEK folgende Aufgabenbereiche zugewiesen:

 

  • Bewertung vorhandener Evidenz auf Basis der IST-Analysen
  • Identifikation von spezifischen Handlungsfeldern basierend auf einer wissenschaftlichen Risikobewertung und Dringlichkeitsanalyse
  • Schärfung von Zielformulierungen innerhalb der Aktionsfelder des NAP.e
  • Ableitung von möglichen Maßnahmen und Schwerpunktaktionen
  • Erstellung von Vorschlägen hinsichtlich einer Priorisierung von Aktionsfeldern, Zielgruppen und gegebenenfalls einzelnen Settings
  • Plattform zum Austausch / Netzwerkaufbau
  • Informationsdrehscheibe (NEK, 2022a)

 

Durch die beratende Funktion der NEK haben Entscheidungen direkte Auswirkung auf die Gesetzgebung und damit auch auf die gesamte österreichische Bevölkerung. Daher ist es natürlich wichtig, dass diese Beratungsfunktion von vertrauenswürdigen und unabhängigen Institutionen oder Personen besetzt wird. Die Mitglieder der NEK kommen aus 41 verschiedenen Institutionen. Jede Institution entsendet je zwei Vertreter/innen (NEK, 2022b). In der Liste der Mitglieder findet sich unter anderem auch das "forum. ernährung heute".

 

2022 10 12 Kurze der Nationalen Ernährungskommission in Österreich Blogbeitrag

Abbildung 2: Mitglieder der NEK - Nationalen Ernährungskommission in Österreich (Sozialministerium, 2022, S. 4)

 

Im Jahresbericht des Forums wird auf den Wissenschaftlichen Beirat verwiesen, welcher die wissenschaftliche Fundierung ihrer Arbeit sicherstellen soll und allen wissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet ist. In der Mitgliederliste des wissenschaftlichen Beirats des FEH finden sich unter anderem folgende Namen: Univ. Prof. Dr. Jürgen König und FH Prof. Gabriele Karner*, MA. Beide Personen, welche für die Sicherstellung der Einhaltung der wissenschaftlichen Prinzipien des Forums verantwortlich sind, sind gleichzeitig, so wie das FEH, Mitglieder der Nationalen Ernährungskommission.

 

Blick nach Vorne

In Anbetracht steigender Zahlen an Menschen mit Übergewicht und Adipositas, muss die nationale Ernährungskommission aus unabhängigen Personen bestehen. Institutionen wie "forum. ernährung heute" widersprechen dem breiten wissenschaftlichen Konsens und streuen Desinformation, welche das Vertrauen in öffentliche Institutionen, wie der WHO unterminiert. Regulierungen, wie die Einführung einer Zuckersteuer oder die schärfere Regulierung von Marketingaktivitäten, sind wirksam und sollten auch in Österreich breiter diskutiert werden.

Eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke wurde bereits weltweit in 54 Ländern eingeführt. Untersuchungen aus Mexiko, Südafrika und dem Vereinigten Königreich haben gezeigt, dass Steuern auf zuckerhaltige Getränke den Zuckerkonsum drastisch reduzieren können (Obesity Evidence Hub, 2022). Es wäre also sinnvoll, sich die Ergebnisse dieser Länder genauer anzusehen und von ihnen zu lernen. In Österreich und vielen anderen Ländern wird dies jedoch seit Jahren unter anderem furch effektives Lobbying und PR-Arbeit von der Nahrungsmittelindustrie erfolgreich verhindert. Es gäbe viele Maßnahmen, die auch in Österreich dazu beitragen könnten, Krankheiten und Übergewicht zu reduzieren. Entsprechende politische Maßnahmen wären ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

 

* Korrektur: FH Prof. Karner hatte vor Veröffentlichung dieses Beitrags ihre Funktion im wissenschaftlichen Beirat des forum. ernährung heute bereits zurückgelegt.

 

Literaturverzeichnis

 

Ernährungstipps mit Geld der Industrie (24. März 2017). ORF.at. https://orf.at/v2/stories/2384267/2384266/

f.eh_report_2021. https://www.forum-ernaehrung.at/fileadmin/user_upload/f.eh_report_2021.pdf

Food Research Collaboration. (2021, 17. November). The food industry presence at COP26 - Food Research Collaboration. https://foodresearch.org.uk/blogs/the-food-industry-presence-at-cop26/

forum. ernährung heute. (2022, 9. Juni). https://www.forum-ernaehrung.at/themen/zucker

forum. ernährung heute. (2022, 9. Juni). https://www.forum-ernaehrung.at/wir-ueber-uns/mitglieder/

Guideline: Sugars intake for adults and children. Geneva: World Health Organization; 2015.

Laurie, G. T. (Hrsg.). (2021). The Cambridge Handbook of Health Research Regulation. Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781108620024

NEK. (2022a, 8. Juni). https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Lebensmittel-Ernaehrung/Ernaehrungsstrategien-und-Gremien/NEK.html

NEK. (2022b, 13. Juni). https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Lebensmittel-Ernaehrung/Ernaehrungsstrategien-und-Gremien/NEK.html

Neue WHO-Zuckerguideline verkennt Ursachen: forum. ernährung heute. (2022, 9. Juni). https://www.forum-ernaehrung.at/pressemeldungen/detail/news/detail/News/neue-who-zuckerguideline-verkennt-ursachen/

Obesity Evidence Hub. (2022, 22. Juni). Countries that have implemented taxes on sugar-sweetened beverages (SSBs) | Obesity Evidence Hub. https://www.obesityevidencehub.org.au/collections/prevention/countries-that-have-implemented-taxes-on-sugar-sweetened-beverages-ssbs

Sozialministerium (2022): Mitglieder der NEK 2021 - 2025. https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Lebensmittel-Ernaehrung/Ernaehrungsstrategien-und-Gremien/NEK.html

Where the dollars go: Lobbying a big business for large food and beverage CPGs. (2021). https://www.fooddive.com/news/where-the-dollars-go-lobbying-a-big-business-for-large-food-and-beverage-c/607982/?utm_source=Sailthru&utm_medium=email&utm_campaign=Issue:%202021-12-06%20Food%20Dive%20Newsletter%20%5Bissue:38423%5D&utm_term=Food%20Dive

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.